Presseberichte

Kunst des Improvisierens
Viel Zuspruch für Stummfilmkino mit Live-Musik im Wiesenburger Park
Märkische Allgemeine Zeitung vom 4. September 2007

Ein Blick auf das Schloss, durch hunderte Kerzen illuminierte Parkwege, der surrende Apparat, die flackernden Bilder, natürlich in Schwarz-Weiß, die Leinwand gegen eine Oldtimer-Feuerwehr gelehnt, Scharen von Zuschauern auf unbequemen Klappstühlen: Beinahe fühlte man sich in die Pionierzeit der Kinos zurückversetzt, als die Bilder laufen lernten, als höchstmögliche Attraktionen aufs Land hinauskamen und für wenige unterhaltsam-sorglose Stunden den harten Arbeitsalltag in Illusionen aufgehen ließen. So ist es heute nicht mehr, der Mensch ist zumindest mobil, verfügt über ein Fernsehgerät und andere Medien und muss sich längst gegen Reizüberflutung und Schlimmeres wehren.

Was damals Unterhaltung war, ist heute auch Kunst. Sie aufs strukturschwache Land zu bringen, trifft nach wie vor oder wieder die Intension der beiden Wanderkinomusikanten Gunthard Stephan (Violine) und Tobias Rank (Piano). Mit ihnen kam jedenfalls diese schlicht-romantische Nostalgie, in der es sich einkuscheln ließ wie in den vorsorglich mitgebrachten Wolldecken.

Dass die fast hundert Jahre alten Stummfilmklassiker, die es am Sonnabend im Wiesenburger Park zu sehen gab, nichts an Unterhaltungswert eingebüßt haben und Grundschulkindern wie Urgroßvätern gleichermaßen das Zwergfell kitzelten, zeigten die Reaktionen des unerwartet zahlreichen Publikums, das sich trotz feuchter Kühle und Mückenplage 90 Minuten lang durchweg köstlich amüsierte.

Auch der Filmriss in Charlie Chaplins "Gewehr über" (1918), über den der Pianist gekonnt hinweg improvisierte, während der Geiger flugs den 16-Millimeter-Streifen wieder einflocht, gehörte einfach irgendwie dazu.

Mit Ausnahme der eher leise-poetischen "Sinfonie einer Großstadt" von Walter Ruthmann (1927) hatten die beiden Wandercineasten vor allem komische Genre für den Abend ausgewählt. Buster Keatons "Ballonfahrer" oder Mack Sennett, Max Linder und der unsterbliche Charlie Chaplin verblüfften, überraschten, rührten und amüsierten die Zuschauer, die dem gagreichen Spektakel mit allen Sinnen folgen durften. Die beiden Musiker erwiesen sich dabei als gefühlvolle, virtuose, originelle und begeisterte Vertoner, Interpreten, Übersetzer, denn das Wort "Begleiter", obschon eine anspruchsvolle Aufgabe, erscheint in diesem Fall zu gering. Sowohl der Pianist Tobias Rank als auch der Geiger Gunthard Stephan haben ihre langjährige Ausbildung an der Leipziger Hochschule für Musik erhalten, Meisterkurse absolviert und als Improvisationsensemble "Puella Turbata" Gastspiele in vielen Städten Europas, in Mexiko, Nordafrika und Asien gegeben.

Dabei entstand auch das Wanderkinoprojekt. Seit 1999 tourt es in Gestalt des leuchtenroten Magirus Deutz, Jahrgang 1959, als Bewegungs- und Transportmittel für 150 Klappstühle, Vorführtechnik, Instrumente, Filmarchiv, Probenraum, fahrendes Hotelzimmer, Leinwandständer und Kulisse multifunktional und unentbehrlich durch ganz Deutschland und halb Europa. Im Programm haben Rank und Stephan neben amerikanischen und Französischen Stummfilmklassikern von kurz bis abendfüllend vor allem deutsche Streifen, darunter Fritz Langs "Matropolis", Murnaus "Nosferatu", Lamprechts "Buddenbroks" etc. Die meisten sind bereits vertont, die beiden improvisieren aber auch spontan zu Filmen aus Archiven ihrer Gastgeber.

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