Presseberichte
"Zartrosarichtig"
Märkische Allgemeine Zeitung vom 18. Juni 2004
Der Bahnwärter in Wiesenburg sitzt über dem Kaffee, und wenn eine Zug einfährt - so oft fährt hier ja keiner ein, etwa alle zwei Stunden Richtung Dessau oder Berlin -, kommt er aus seinem Häuschen, schließt die blitzenden Knöpfe seine Uniform bis obenhin und wirft einen Blick auf die überschaubare Schar der Fahrgäste. Man erkundigt sich bei ihm, wo bitte der Schlosspark sei, und der Mann gibt freundlich und geübt Auskunft: rechts, durch den Wald - keine große Sache, 20 Minuten, fügt er hinzu. Man nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und macht sich auf den Weg, zunächst entlang der Gleise, doch schon einen halben Kilometer später scharf links ins Unterholz. Laub schluckt Licht, doch hier und dort schummelt sich ein schmaler Strahl durch das Dach. Und wirf einem Scheinwerfer gleich seinen Spot auf die Gabelung, welche vor die Wahl stellt: "Rhododendronweg 3/4 Stunde" und "Wiesenweg 1 Stunde". Zeitliche Ökonomie und die Verheißung der Flora nehmen einem die Entscheidung ab, und wie sich zeigt, hat man sich goldrichtig entschieden. Oder sagen wir: lilarichtig, violettrichtig, zartrosarichtig. Manche Büsche ragen mit ihren bunten Blüten bis zu sieben Meter hoch. Sie stehen Spalier, stolz und üppig, gänzlich unbescheiden und locken mit ihrem Odeur, das betört und diesem Spiel von Licht und Schatten eine Dramatik gibt. Wie gut, nach Wiesenburg in den Schlosspark mit der Bahn zu kommen.
Nur vom Zug aus nimmt man diesen schillernden Weg am südlichen Zipfel des 123 Hektar großen Areals wahr. Mit dem Auto wiederum parkt man justament am geräumigen, fünfeckigen und seit Frühling 2003 komplett sanierten Schloss. Und verpasst das sensationelle Entrée. Man läuft schnellen Fußes fünfzehn, zwanzig, dreißig, fünfunddreißig Minuten, und niemand käme auf die Idee, sich beim Bahnwärter über seine doch sehr knapp bemessene Prognose der Fußweges zu mokieren. Man steht vor dem Schloss und ist wie Alice durchs Wunderland geeilt.
Rhododendronblüten für ein Damenherz
Man ist wegen der Skulpturen gekommen, die im Park während dieses Sommers bis zum 3. Oktober platziert sind und intellektuellen Stilwillen mit sinnlicher Metaphorik paaren; nicht kokett, durchaus gekonnt und mit augenfälligen Gespür für dezente und vor allem effiziente Standorte. Die Skulpturen sind selbstbewusst, doch sie sind nicht vorlaut - eine andere Wahl haben sie hier, inmitten der Gartenlandschaft des angeblich liebeskranken Gründers Carl Friedrich von Watzdorf kaum. Watzdorf begründete das Schmuckstück im Stile englischen Landschaftsparkbaus anno 1863 - Legenden wollen, dass er für ein Damenherz ackerte, pflanzte und aushob. Die Saat des Landschaftsplaners ging auf, doch das Damenherz blieb dem Liebenden verschlossen. Trachtete Watzdorf nach einer württembergischen Prinzessin? Oder ging es eher um eine Tochter aus dem Hause Hohenzollern? Das lässt sich nicht mehr klären. Was bleibt, ist ein gut verwurzeltes Erbe, haltbarer als die Liebe.
Auf dem Weg zum Schloss kündet sich die Kunst schleichend an. Die Rhododendren liegen hinter uns, Laubwald hat sich breit gemacht, eine Lichtung weitet den Horizont. Die Haut fröstelt nicht mehr, doch man reibt sich sie Augen: Da kommt eine Sippe der anderen Art des Weges, kleine Entlein mit ihrer Mutter, wie es vom watschelnden Gestus her den Anschein hätte, sondern windschiefe Quader. Hohle Metallkörper auf Rollen, entworfen vom Magdeburger Volker Kiehn. Der Klotz vorne weg, die vier kleinen hinter drein. "Ausflug auf dem Lande" nennt Kiehn seine Arbeit, die nach einem Einkaufswagen zu Zeiten Fred Feuersteins aussieht; sein ironisches Augenzwinkern versteckt sich nicht zwischen den Zeilen, es ist ganz manifest, zielt auf den Bauch und hievt sich unversehns ins Hirn. Handfeste Sinnlichkeit bezwingt alle Zweifel an moderne Kunst.
"Be-greifen", so hat die Berliner Bildhauerin Maria Berberich als künstlerische Leiterin der Ausstellung das Motto benannt - 284 Arbeiten wurden von 75 Künstlern aus Deutschland eingereicht, 25 Exponate sind nunmehr ausgestellt.
Im Gänsemarsch über die Gleise
Es gibt den Widderkopf auf dem Schneckenhaus, auch eine mit Verpackungsfolie verbandelte Birkengruppe, überdies drei schwimmende Arbeiten, eine davon die "träumende Sirene": Sie tröstet die Toten der Unterwelt und sieht - wenn es einem Maria Berberich nicht erklärt - schlicht aus wie eine lange, liegende, zerlegte Frau, mit herunter hängendem Zopf, drapiert zwischen zwei Surfbrettern. Stets erlauben diese Werke die quasi naive Rezeption, also wie die Suche eines Kindes nach Bekanntem, nach Klötzen aus der großen Kiste der Alltäglichkeiten. Und sie erlauben. ja fordern gar den detektivischen Blick - Berberichs Beitrag etwa, aus gebranntem Ton geformte Ornamente stets streng symmetrisch und auf Glas hängend zwischen die Bäume gespannt, bietet zum einen spiegelbildliche Renaissancemuster, in ihrer Harmonie wohltuend für Geist, Körper und Seele; auf der anderen Seite lässt sich auf den zweiten Blick in einem dieser Werke der Grundriss des Wiesenburger Schlosses erkennen.
Na klar, diese Kunst ist elitär und somit schwere, zuweilen vollwertige Kost - das Kontrastprogramm zum federleichten Blütenzauber. Eben diese Spanne hebt den Park hinaus aus braver Nahlassverwaltung. Hier werden Ambitionen gehegt - und wenn man an Ende des Tages zum Bahnhof zurückkehrt und aufs Gleis hinüber möchte, dann hält der Bahnwärter das Einganstor gewissenhaft verschlossen, öffnet es erst, wenn der Zug einfährt, führt die Gäste wie im Gänsemarsch über jene vorgelagerte Schiene, die nach Dessau führen, und wünscht schließlich eine gute Fahrt. Auch altmodisch geht es in der 1500-Seelen-Gemeinde zu. Denn zu viel Moderne verdirbt die Preise.