Presseberichte
"Die Sehnsucht des Gardehusaren"
Tagesspiegel vom 13. Juni 2004
Auf die merkwürdige Meldung aus Wiesenburg können sich die Radiohörer in Berlin und Brandenburg fast täglich verlassen. Denn in dem kleinen Ort im Hohen Fläming zeigen die Thermometer stets eine um zwei Grad Celsius niedrigere Temperatur an als in anderen Ecken der Region. Mitunter sind es sogar bis zu zwölf Grad weniger.
Das Wetterphänomen erklärt Bürgermeisterin Barbara Klembt recht plausibel. "Wir liegen viel höher als die Umgebung. Schließlich befindet sich mit dem immerhin 200 Meter hohen Hagelberg Brandenburgs höchste Erhebung ganz in der Nähe." Das Klima sei dem im Harz sehr ähnlich. Denn auch hier verlaufe eine Wetterscheide zwischen dem atlantischen und dem kontinentalen Klima. Wer sich indes in dem kalten Ort umsieht, wird angenehm überrascht.
Das Schloss, der Park mit seinen zahlreichen Rhododendron-Büschen (die hier bedeutend später blühen) und die künstlich angelegten Teich spiegeln vielleicht die Sehnsucht nach Wärme und Sonne wieder, die Architektur und Landschaftsgärtner beim Bau der Anlage inspiriert haben.
Genau 100 Stufen muss der Besucher steigen, um auf die Aussichtsplattform in der Schlosskuppel zu gelangen. Nach den ersten 25 kann man aber schon mal eine Pause in der "Heimatstube" einlegen und sich dort von den Mitarbeitern des Fremdenverkehrsvereins Tipps für die Umgebung holen. Was sollen wir noch anschauen? Natürlich die Feldsteinkirche aus dem 12. Jahrhundert, deren erst 120 Jahre alten Turm das Panorama wesentlich bestimmt.
Im Inneren des in Form eines römischen Kreuzes gebauten Gotteshauses liegt der älteste in Brandenburg gefundene Grabstein. Die Steinplatte mit der Jahreszahl 1257 war vor Jahren bei der Restaurierung entdeckt worden. Wertvoll ist auch der Altar mit einer bildlichen Darstellung des Abendmahls aus Sandstein. Der Torgauer Bildhauer Georg Schröter schuf sie 1561. Beim Ausmahlen der Kuppel setzte er auf optische Täuschung, die bis heute faszinierend sind.
Neben dem Altar gibt es in Wiesenburg noch ein kleines Kunstwerk, das im Unterschied zur leider nur nach telefonischer Anmeldung geöffneten Kirche jederzeit bewundern kann. Eine Kriegerfigur mit Schild und Lanze thront auf dem reich verzierten Renaissanceportal in vorderster Reihe vor dem eigentlichen Schlosseingang. Ein wenig gleicht die Figur dem Wahrzeichen von Brüssel, weshalb das Portal im Volksmund auch "Männekentor" genannt wird.
Ein Schild mit der Aufschrift "Privat" schreckt zunächst ab. Tatsächlich befindet sich das Wiesenburger Schloss seit 1992 im Privateigentum einer Berliner Gesellschaft. Sie baute die bis kurz nach der Wende als Schule mit erweitertem Russisch-Unterricht genutzten Räume zu exklusiven Wohnungen und Büros um. Sechs der 18 Wohnungen sind noch zu haben. Das Schild "Privat" dient aber eher als Hinweis auf eine fehlende Gastronomie im Haus. Diese findet der Gast in der Schloss-Schänke links vor dem Haupteingang oder in einem kleinen Cafe am Rande des Parks.
Die 120 Hektar große Anlage, von der 13 Hektar als Garten und der Rest als Feld und Wald gestaltet sind, ist ein echtes Schmuckstück. Dabei geht er einmal nicht auf die in Brandenburg bekannten Genies Lenné und Fürst von Pückler-Muskau zurück. In Wiesenburg verewigte sich der Schlossherr Curt Friedrich Ernst von Watzdorf mit einem romantischen Werk. Er spätere Kommandeur der Gardehusaren im deutsch-französischen Krieg 1870/71 war durch halb Europa gereist und hatte sich vor allem in England Anregungen für einen außergewöhnlichen Landschaftspark geholt.
Dem Vernehmen nach soll von Watzdorf an der unerfüllten Liebe zur Prinzessin vom Württemberg fast zerbrochen sein. Daher habe er alle Wünsche und Empfindungen, seine Sehnsucht und seinen Kummer in die Gartengestaltung gelegt. Künstliche Wasserläufe, Seen und mystisch anmutende Grotten lassen der Fantasie freien Lauf.
Wiesenburg gilt in Fachkreisen heute als schönster Park zwischen den Wörlitzer Gärten und Sanssouci. Bis zum 3.Oktober bietet der Spaziergang durch die Anlage noch einen zusätzlichen Reiz. 25 Künstler aus ganz Deutschland zeigen unterschiedliche Skulpturen unter dem Motto "be-greifen". Zusammenhänge in unserer Zeit sollen verdeutlicht werden.
Die Arbeiten aus Stein, Holz, Beton, Stahl, Gips, Marmor, Kupfer und anderen Materialien stehen weit verstreut auf den Wegen und sind manchmal nicht gleich auf Anhieb zu erkennen. Ein Prospekt, in dem alle Standorte am drei Kilometer langen Rundweg verzeichnet sind, hilf. Man kann sich auch einer Führung anschließen, die jeden Sonnabend und Sonntag um 11 und 14 Uhr beginnt.
Zum Parkfest am 15. August führt der legendäre Parkschöpfer Watzdorf sogar mehrmals persönlich durch sein Reich. Das Volkstheater Fläming hat den historischen Stoff für ein amüsantes Stück verarbeitet. Während der Vorstellung ziehen Schauspieler und Publikum gemeinsam zu den lauschigsten Plätzen.
Vielleicht kommt die Sprache dann wieder auf das merkwürdige Wetter in Wiesenburg. Es konnte schließlich sein, dass der edle Herr keineswegs nur aus Liebeskummer solch ein Prachtstück in den Hohen Fläming zauberte. Vielleicht wollte er einfach einen Ort haben, an dem er von der üppigen Natur des Südens träumen konnte.