Presseberichte
"Grüne Seele"
Märkische Allgemeine Zeitung vom 13. September 2003
Kugelfichten stehen stramm. Lila blühend des Leberbalsam und grüne Stauden zieren die Teppich-Beete. Die Tulpen-Magnolie nebenan protzt mit kuriosen Früchtchen., die wie schuppige Zwergbananen aussehen. Heile Welt im Gartenparterre des Wiesenburger Landschaftsparks, dessen Generalkonstruktion Mitte der 80er Jahre begann. Auf der Schlossterrasse mickern hinter der "Privat"-Absperrung vertrocknete Buchsbaumhecken - Wiederbelebung zwecklos. "Um die Pflege hier oben kümmert sich der Eigentümer selbst", sagt Parkchef Ulrich Jarke. Keine ideale Lösung, wie man sieht. Aber was soll's, der Herr über 123 Hektar Grün hat genug zu tun.
Er braucht wohl ein Gärtnerleben, ehe der gesamte Park wieder so gut in Schuss ist wie die fünfeckige Immobilie. Das Schloss, in dem nach 1945 zuerst Neulehrer und später bis 1992 Abiturienten die Schulback gedrückt hatten, ist komplett saniert. Hinter der von Semper-Schüler Oskar Mothes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kreierten Neorenaissance-Fassade entstanden paradoxerweise modernistisch offene Wohnlandschaften. 60 Prozent der Appartements und Büros sollen bereits vermietet sein. Für 11,20 Euro pro Quadratmeter - kalt versteht sich - ist der herrliche Parkblick inklusive.
Wald, Wiesen, Baumgruppen, künstlerische Teiche sowie aus Belgien, China und England importierte exotische Gehölze sind so raffiniert kombiniert, dass sich dem sensiblen Auge überraschende Sichtachsen öffnen. Zweifellos war da nicht nur ein Koniferenverehrer am Werk, sondern ein wahrer Visionär und Ästhet: Carl Friedrich Ernst von Watzdorf hieß der Mann. Als er 24-jährig 1863 die Herrschaft in dem völlig unbedeutenden Nest übernahm, begann er sogleich das Gut zu einer repräsentativen Residenz aufzumöbeln. Den fast 100 Hektar großen Tiergarten, in dem er einst mit dem Vater auf die Rehpirsch gegangen war, gestaltete Watzdorf jr. zum Waldpark um. Setzte Japanische Lärchen, Colorado-Tannen und Esskastanien in den märkischen Sand. Rat holte sich der Autodidakt bei Karl Gebbers, dem Förster.
Ja, so manches Kunstwerk vom dem die Welt nicht weiß, verbirgt sich in märkischen Dörfern, schwärmte Fontane. Ob der Nonstop-Wanderer da in erster Linie an die zehn Kilometer von Belzig entfernte Anlage dachte, lässt sich nicht belegen. Wohl aber, dass es sich um Gartenkunst im Stile englischer Landschaftsparks handelt. Lokalpatrioten erwähnen den Park gern in einem Atemzug mit Wörlitz oder Bad Muskau. Aber in der "Gartenbundesliga" ist er noch unbekannt. Einschlägige Literatur lässt Wiesenburg links liegen.
Der Legende nach legte sich der junge Watzdorf mit seinen grünen Ambitionen für eine angebetete so ins Zeug. wer genau die Holde war liegt im Dunkeln. Eine Prinzessin aus dem Hause Württemberg? Oder gar von den Hohenzollern? Da käme eigentlich nur Luise, Tochter des späteren Kaisers Wilhelm I., in Frage. Doch Sie wurde 1857 nach Baden verheiratet. Wie auch immer. Dem Unglücklichen blieb nichts, als seine ganze Liebe Mutter Natur zu schenken.
Ob Dichtung oder Wahrheit - solch romantische Schicksalsdeutungen kommen an beim Publikum, weiß Jarke. Auch am morgigen Tag des offenen Denkmals wird der studierte Landschaftsarchitekt diese Anekdote zum Besten geben. Bei den Führungen geht es an Baumriesen vorbei, die dort seit 140 Jahren fest verwurzelt sind. Ein gutes Stück auch am Rhododendronweg. Im Mai verwandelt sich dessen dunkelgrüne, großblättrige Hecken in ein gelblichweißes, rosa, lila, violett und purpurviolett wogendes Blütenmeer. Manche Büsche sind bis zu sieben Meter hoch.
Fast alle Informationen über das Werden des Parks sind mündlich überliefert. Es gibt weder Briefe von Watzdorf noch Rechnungen über die Pflanzenkäufe, geschweige denn Skizzen, in denen die seltenen Gehölze von der Bitternuss bis zur Zucker-Birke kartiert sind. Der keineswegs süße Stamm ist in Augenhöhe völlig zugewachsen und von Laien nicht wahrnehmbar. In Schlossnähe hat die Beschilderung seltener Gehölze begonnen.
Doch die Gretchenfrage lautet: Wie kann der Fachmann ohne Archivmaterial die Intensionen des Gartengründers verstehen? Denn davon hängt doch maßgeblich ab welchen Verlauf die behutsame Rekonstruktion eines lebenden, weil täglich wachsendem Denkmal nimmt?
Davor ist Ulrich Jarke nicht bange. Schließlich ist er beruflich kein unbeschriebenes Blatt. Er gestaltete die Landschaftsgartenschau in Luckau und die IGA in Rostock mit. Dort war er für die Nationengärten zuständig, hatte Projekte mit Kollegen aus 22 Ländern zu koordinieren. Und natürlich hat er sich auch in Großbritannien, dem Mutterland der Gartengestaltung, inspirieren lassen. Nun brütet er in Wiesenburg über einen Masterplan, geht dabei mit detektivischer Akribie vor. Unlängst ersteigerte er im Internet-Aktionshaus eBay eine Postkarte von 1906. "Für neun Euro, da hatte ich Glück. Sie zeigt eine Ballonaufnahme unseres Parks, anhand der ich Laub- und Nadelbäume unterscheiden konnte", sagt der 35-Jährige begeistert und weist auf eine Baumgruppe. Fichten, Tannen, Lebensbäume und die Douglasie sind fast völlig zugewuchert. "Mit Laubgehölzen vermischt, war das als exklusive Waldkante gedacht. Zu dieser Erkenntnis kam ich nach langwierigen Aufmessungen in dem Gebiet. Aha-Effekt sind das Wesentliche an einen Landschaftspark, sagte mein Prof immer." Die lassen im ehemaligen Tiergarten noch auf sich warten.
Die nächste Gärtnerische Lektion erteilt Jarke im Eichenwald. Obwohl bereits 30 Jahre als, gleichen die dicht gesetzten Stämme Staubwedeln mit spindeldürrem Stiel. Er taxiert einen Baum am Wegesrand. "Mein Ehrgeiz ist es, Solitäre heranzuziehen. Wie die Blutbuche auf der Lichtung vorhin. Der hier wäre ein geeigneter Kandidat. Ihm fehlt an einer Seite schon die Krone, weil die Konkurrenz dicht rangerückst ist ausholzen." Jarke notiert den Fall. Selten ist er ohne Stift und Papier im Park anzutreffen und nie ohne Gartenschere. Die trägt der gelernte Gärtner in einem Lederetui am Gürtel.
Plötzlich nimmt Jarke Anlauf, springt hoch und versucht mit seiner Schreibunterlage einen herabhängenden Ast zu treffen. Schafft es aber nicht. "Der könnte Spaziergängern gefährlich werden", keucht er. Könnte. Die wenigsten nehmen sich die Dreiviertelstunde Zeit, um vom Schloss zum südlichsten Punkt des Areals zu pilgern, das von der Bahnlinie Berlin-Dessau begrenzt wird. "Viele der jährlich 40 000 Besucher drehen nur einen kleine Runde bis zum Mühlenteich und dem Prinzessinnenbad", sagt Jarke. Früher konnten Zugfahrer in Höhe des Stellwerks kurz vor dem Halt in Wiesenburg für Sekunden in der Ferne den Herrensitz sehen. Nun steht eine zu DDR-Zeiten gepflanzte Lärchenschonung im Weg. "Ein Hektar müsste gefällt werden, damit die vom Hausherrn angelegte Hauptsichtachse wieder ersteht", überschlägt Jarke. Bei so gravierenden Eingriffen sind Forst und Fachbehörden zu konsultieren.
Hans Joachim Dreger vom Landesamt für Denkmalpflege kennt die Sorgen vor Ort: Seit Ende der 90er Jahre die "Parkbrigade" aufgelöst wurde, fehlt fachlich versiertes Personal. Zurzeit helfen sechs Leute aus dem Programm "Arbeit statt Sozialhilfe". Unter Jarkes Anleitung graben, hacken, roden und sägen sie. Im Frühjahr 2004 läuft die ABM-Maßnahme aus. Trotzdem hofft Dreger, dass es weiter vorangeht, um "die künstlerische Ausprägung des Parks im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wieder räumlich erlebbar zu machen". Klingt gut, aber der Parkchef frotzelt: "Die haben zwar die Macht in Wünsdorf, aber keinen Euro zu vergeben."
Jarkes Stellte als Parkchef ist die einzige unbefristete. "Und die halbe vom Zivi. Hätte ich beinahe vergessen" sagt Bürgermeisterin Barbara Klembt Für den 1500-Seelen-Ort ist ein gemeindeeigener Landschaftspark absoluter Luxus. Rund 120 000 Euro pro Jahr kostet die fachgerechte Pflege. "Wie können maximal die Hälfte aufbringen. Helft euch selber, gründet einen gemeinnützigen Verein", zitiert die PDS-Frau gut gemeinte Ratschläge,um an Bares zu gelangen. "Das haben wir 1998 getan, doch die Trägerverantwortung kann der Verein nicht kompensieren. Wir bekamen vor allem Sachspenden wir Pflanzzwiebeln, Geld kaum". Dabei wird das am dringendsten gebraucht: für Parkbänke zum Beispiel. Zirka 1200 Euro kostet so ein hölzernes Sitzmöbel im Grünen. "Die Namen der Spender werden gut lesbar darauf verewigt", ergänzt Jarke, dem man den Vorsitz des Vereines antrug. "Mach' ich gerne", sagt der gebürtige Kölner, der nun mit Lebenspartnerin Claudia Bogert und Töchterchen Louise im beschaulichen Wiesenburg Wurzeln schlagen will.
"Ich lebe da, wo ich arbeite. Das ist mein Prinzip." Allerdings steigt sein Adrenalinspiegel beim Joggen manchmal eher aus Frust statt aus Lust. Wie neulich, als Jarke entdeckte, dass ein Vandale die junge Gurken-Magnolie geköpft hatte. Holzdiebe stellte er auch schon per Fahrrad. Wer Nachschub für seinen Kamin braucht, kann den bei Jarke günstig erwerben.
Nach einem Jahr im Amt hat sich der Parkchef vor allem ein Ziel gesetzt: die Öffentlichkeitsarbeit anzukurbeln. Er hofft in der Kulturland-Brandenburg-Aktion "Landschaft und Gärten 2004" dabei zu sein und damit auch Fördermittel zu bekommen. Und ihm schwebt eine Internetseite mit allen Brandenburger Parks und Gärten vor, "so wie in Meckpomm".